Grundschulförderung

Bei der schulischen Förderung im Grundschulbereich zeichnen sich nachfolgende Entwicklungen ab:

  1. Flächendeckend erfolgt eine (einzige) wöchentliche Förderstunde für Legastheniker an jedem Schulstandort des Landes in mehr oder weniger willkürlich zusammengesetzten Fördergruppen für das Fach Deutsch.
  2. An einigen ausgewählten Grundschulen werden Legastheniker einen speziellen Deutschunterricht erhalten.
  3. Die Förderung durch spezielle LRS-Klassen läuft aus

Sicher ist, dass neben den pädagogischen Gesichtspunkten auch ökonomische Faktoren berücksichtigt werden müssen – und das ist auch gut so. Wir dürfen aber nicht nur die eine Seite betrachten und ermitteln, wie aufwendig eine erfolgreiche Frühförderung ist. Vergessen wird die Gegenposition, welche Steuermittel im Extremfall eine lebenslange „Karriere“ in der Behindertenwerkstatt oder ähnlichen Einrichtungen binden würden. Unter diesen Umständen sollten wir jedem das Recht gewähren, durch seine Bildung aktiv am gesellschaftlichen Leben teil zu nehmen – und wieder unter ökonomischen Gesichtspunkten– jeden in die Lage versetzen, mit seinem guten Einkommen möglichst viele Steuern zu bezahlen. Der wissenschaftliche Kenntnisstand zur Förderung von Legasthenikern/Dyskalkulikern ist nicht homogen. Diese Tatsache nutzen auch einige Nachhilfeinstitute, die mit ungeeigneten Methoden den Kindern einen hohen Zeit- und den Eltern einen entsprechenden materiellen Aufwand abverlangen, ohne dass die erreichten Ergebnisse nachhaltig sind. Ein zentrales Element bei der Behandlung / Ausbildung der legasthenen Kinder ist die Unterstützung durch Gebärden bei der Erlernung der Schriftsprache. Die Methodik ist nur grob vorgegeben und wird von den Trainern nach subjektiven Empfindungen ausgebaut. Erfahrene Pädagogen oder Therapeuten sind daher unablässig. Sie benötigen eine spezielle zertifizierte Ausbildung.

Wir geben daher nachfolgend ein mehr oder weniger subjektives Statement zu den vorgesehenen schulischen Unterstützungsmaßnahmen in Sachsen-Anhalt ab:

Zu 1. wöchentliche Förderstunde

Eine wöchentliche Förderstunde zeigt den betroffenen Kindern, dass die Lernbesonderheit Legasthenie oder Dyskalkulie ernst genommen und akzeptiert wird. Die Förderstunden schließen sich häufig an den eigentlichen Unterricht an. Die Aufmerksamkeit der Kinder ist daher gering. Besonders wenn die Kinder neben der LRS auch noch eine verminderte Aufmerksamkeitsdauer haben. Für die Lehrer haben die Förderstunden oft den Charakter eines „Anhängsels“. Die Schulleitungen messen größtenteils dem regulären Unterricht noch eine größere Bedeutung bei als den Förderstunden, so dass der Förderunterricht zugunsten des regulären Unterrichts oft ausfällt. Der methodische Nutzen von solchen einzelnen Förderstunden ist minimal. Grundsätzlich können alle Pädagogen für diese Förderung eingesetzt werden. Wegen der Vielzahl der Förderschwerpunkte der einzelnen Kinder können die Lehrkräfte nur über ein oberflächliches methodisches Wissen in Bezug auf die Legasthenie verfügen. Selbst wenn erfahrene Legasthenie-Trainer die Kinder anleiten, wird die Verknüpfung von Gebärden und Buchstaben bei den Kindern mit einer Stunde Unterricht pro Woche in Kleingruppen nicht gelingen. Der Vorteil dieser Förderart ist, dass die betroffenen Kinder in ihrer gewohnten sozialen Umgebung verbleiben können und ihnen ein Schulwechsel und lange Fahrzeiten erspart bleiben.

zu 2. spezieller Deutschunterricht

Möchte man Kindern mit Legasthenie mit einer besonderen Methodik unterrichten, wäre entweder Unterricht in sehr kleinen Gruppen nötig oder man fasst die betroffenen Kinder an bestimmten Schwerpunktschulen zusammen. Aus bekannten Gründen wird letzteres für das Kultusministerium Sachsen-Anhalts nicht in Frage kommen. Die Kinder müssen die vertrauten Klassenverbände verlassen und häufig lange Fahrzeiten in Kauf nehmen, um die Schulen mit dem Förderschwerpunkt Legasthenie zu erreichen. Wenn legasthene und Schüler ohne LRS gemeinsam lernen, könnte es zur Gruppenbildung kommen. Der spezielle Deutschunterricht für Legastheniker ist nur in überschaubaren Klassenverbänden bis 14 Schülern sinnvoll. Welche Vorstellungen das Kultusministerium über die Beschulung des Restes der Klasse während der Zeit des „Spezial“-Unterrichts hat, ist uns nicht bekannt. Eine Unterrichtung am Nachmittag bringt die bekannten Probleme der verminderten Aufmerksamkeit. Das größte Problem ist, die Pädagogen in der notwendigen Qualität zu qualifizieren. Normalerweise gehört die Gebärdensprache nicht zur Ausbildung der Lehrer. Wenn die Kompetenzen bei den Pädagogen nicht geschaffen werden können, wird eine vor allem im Bereich außerhalb der Ballungszentren durchaus sinnvolle Lösung schnell ins Leere laufen und der erwünschte Erfolg ausbleiben.

zu 3.) Förderung in speziellen LRS-Klassen in ausgewählten Grundschulen

Für legasthene Kinder bestand im Osten Deutschlands, so auch in Sachsen-Anhalt, bisher die Möglichkeit, an ausgewählten Grundschulen in speziellen LRS-Klassen zu lernen.

Mit den  LRS-Klassen blieb ein bereits in den 1970iger Jahren zu DDR-Zeiten eingeführtes Instrument erhalten, dessen  Erfolge nachweislich sind. Den Betroffenen wurde an den damaligen Sprachheilschulen der Zugang zur Schriftsprache über das Erlernen der Gebärdensprache eröffnet. Nach der Wende wurden in Sachsen-Anhalt einige dieser Klassen an normalen Grundschulen weiter geführt. Dazu werden die Betroffenen nach der zweite Jahrgangsstufe aus ihren Klassen heraus genommen und wiederholen an der neuen Schule die zweite Klasse. Die Wiederholung ist notwendig, um den Kindern mit den Mittel der Gebärdensprache den Zugang zur Schriftsprache zu ermöglichen und den wegen der ungenügenden Lesefähigkeit verpassten Stoff in den anderen Fächern nach zu holen. Für die betroffenen Kinder wird also die Schulausbildung voraussichtlich ein Jahr länger andauern. Die Schulen befinden sich mehr oder weniger zentral und für die Betroffenen sind die Schulwege oft beträchtlich lang. Sie nehmen diese Schwierigkeiten aber gern in Kauf, weil Kinder mit Legasthenie im Sozialverband der Klasse oft die Rolle von Lernschwachen zugewiesen wird. In Verbindung mit mangelnder Sensibilität der Pädagoginnen und Ratlosigkeit im Elternhaus entstehen so oft massive psychische Probleme. Wenn die Kinder sinnbildlich unter dem Küchentisch sitzen und nicht mehr vorkommen wollen, ist es höchste Zeit sie einem anderen Umfeld zuzuführen. Das bieten die LRS-Klassen, in den die sozialen Rollen neu verteilt werden und die Betroffenen feststellen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein dastehen. 

Leider muss festgestellt werden, dass mit Beginn des Schuljahres 2012/2013 an vielen Standorten des Landes Sachsen-Anhaltes neue  LRS-Klassen nicht wieder eröffnet wurden.

In Thüringen und Brandenburg wurde gleich 1991/92  mit der Übernahme der bundeseinheitlichen Standards auf die Fortführung spezieller LRS-Klassen verzichtet und wie in den alten Bundesländern die Förderung in private Verantwortung übergeben.

 In Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben die LRS-Klassen nach wie vor Bestand.

Startseite Administration